Prolog

Der Turm vor ihm schien schier endlos in den Himmel zu ragen. Meile um Meile massives, farbloses Gestein, das ihn, den kleinen unbedeutenden Menschen, der er war, mit seiner scheinbaren Endlosigkeit zu verhöhnen schien.
‚Die Scherbe’ nannten sie diesen Fels … und er war nur einer von vielen, die sich an ihrer Versuchung geschnitten hatten.


Mit gerunzelter Stirn starrte er die blanke Wand vor seinen Augen an, Wut bäumte sich in ihm auf, als er den verschlossenen Zugang im Stein besah. Nur langsam schaffte er es, sich von dem Anblick loszureißen, sich umzukehren und in die leere Weite vor sich zu blicken.

‘Leere’ … welch ein passender Begriff.

Die kahle Wüste, die sich vor ihm auftat, schien nicht nur frei von jedweder Lebensform … sie schien eine eigene Aura zu haben. Ein Gefühl eben jener Leere, das jeden ergriff, der sie auch nur einen Augenblick betrachtete. Langsam glitten seine Gedanken ab, wanderten von dem unerreichbar wirkenden Tor vor ihm zu der Wüste und den Seelen, die hier verloren gingen. Mit einem kalten Gefühl im Herzen ließ er seinen Blick zu seiner Begleiterin schweifen, die teilnahmslos auf die Ebene vor ihnen starrte.


„Was geschah mit denen, die vor mir hierher kamen?”


Nachdenklich betrachtete die Frau den Himmel, blickte starr hinauf in das endlose Grau und schüttelte sacht den Kopf.


„Asche.” Sie atmete tief ein, ehe sie dem Mann neben ihr in die Augen sah. „Sie gaben auf, verloren das, was sie noch ausmachte … und einer nach dem anderen zerfielen sie zu Asche. Sie wurden ein Teil des Grau.”


Er runzelte die Augenbrauen, die Antwort ergab für ihn keinen Sinn.
„Sie gaben – doch sie sind Menschen! Personen wie du und ich: Mit Plänen, mit Wünschen und Dingen, die sie begehren. Wieso sollten sie einfach aufgeben? Ich kann mir nicht vorstellen–”
„Die Zeit trägt selbst den höchsten Berg ab. Niemand, der hierher kam, hätte es sich vorstellen können. Doch die Tage vergingen. Tage wurden zu Wochen, Monate zu Jahren. Bald mussten sie alle einsehen, dass es vorbei war – sie ihr Ende gefunden hatten und nie wieder die warmen Strahlen der Sonne auf ihrer Haut spüren würden.”


„Aber du hast nicht aufgegeben.” Für einen kurzen Moment, beinahe wie ein flüchtiger Schatten, huschte ein Lächeln über die Lippen des Blonden. „Du bist immer noch hier.”
„Ja, das bin ich, denn ihr gebt mir Hoffnung. Immer wieder betreten neue Menschen diesen Ort – voll von Hoffnung und weit entfernt davon, ihr Schicksal einfach wortlos zu akzeptieren. Ich weiß, dass es einen Weg aus dieser Hölle gibt … und wenn ich nur eine Person finde, die fähig ist, ihn mit mir zu gehen, wird sich das Warten gelohnt haben.”


„Aber … dieser Jemand bin nicht ich.” Mit bitterem Blick sah der Mann an dem gigantischen Felsen, der sich vor ihm auftürmte, hoch, streckte seine Hand noch ein letztes Mal danach aus und schluckte hart, als sich eine unsichtbare Wand  vor ihm aufzubauen schien. So sehr er es auch versuchte, er vermochte nicht, den glatten Stein zu berühren, geschweige denn, das Tor vor sich zu öffnen.
„Nein, doch du bist wertvoller als all jene, die vor dir kamen.” Diesmal blieb das Lächeln in ihren Zügen, ein bittersüßes Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte … doch das bemerkte er nicht. „Du kannst mir helfen, die eine Person zu finden. Die Person, die diesen Ort nicht durch ein unreines Herz entweiht, die fähig ist, das Tor zu öffnen … und gemeinsam mit uns zurück ins Leben tritt.”


„Doch was, wenn – ”


„Es gibt kein ‘was, wenn’. Wir werden sie finden. Es ist unumgänglich und ich weiß, du kannst es schaffen. Es lohnt sich, zu suchen – es gibt so vieles, das uns zurück zieht, so vieles, das wir nicht zurück lassen können. Was würde Samantha sagen? Wenn sie erfährt, was mit dir geschah … würde es ihr gebrochenes Herz nicht trösten, dich in ihre Arme schließen zu können?“ Die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Augen des Soldaten vor ihr wurden glasig, sein Blick abweisend und tiefe Trauer durchzog sein Gesicht. „Sam … ”


„Wir alle haben Dinge verloren … ” flüsterte die Frau und legte ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter. „Nur gemeinsam können wir sie uns zurück holen. Keine scheinheilige Moral oder fadenscheinige Bedenken sollten uns davon abhalten können.” Er nickte. Zuerst vorsichtig, beinahe wie in Trance … dann schien er seine Entscheidung zu treffen.

„Nein, nichts wird uns davon abhalten. Und meinetwegen mag es auch Jahre dauern – wir werden jemanden finden, der das Tor für uns öffnen kann.” Dann hielt er für einen Moment inne. „Doch wie sollen wir das schaffen? Du sprachst von einem Plan … was kann ich tun?”

„Es ist ganz einfach.” Ihr Tonfall war nun leicht, beinahe heiter. „Wir starten einen Krieg.”

© 2019  M.A.Audren Autorin   -   Erstellt mit Wix.com

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