Prolog - Winter


"Wieso sieht man die Wirbel nur nachts?"

"Weil ihre Welt unserer dann am nächsten ist." Mit einem sachten Lächeln sah er zu dem kleinen Mädchen, das neben ihm saß, doch ihr Blick galt einzig dem Himmel über ihnen. Ein strahlendes Glitzern erfüllte ihre Augen als sie die leuchtenden Nebel betrachtete und ein Lächeln erhellte ihr gesamtes Gesicht bei jedem hinzukommendem Funken. Das ferne Rauschen des Wirbels hallte heimelig durch den Glockenturm und auch Cassym selbst fühlte die berauschende Macht, die von dem nächtlichen Spektakel ausging. „Die Wirbel trennen die Welt der Menschen von unserer,“ flüsterte er und versuchte dabei, die Belustigung in seiner Stimme zu verbergen. „Nur Nachts kommen wir einander näher - so nahe, dass die Barriere beinahe zu reißen scheint, es aussieht als würde ein einziger Schritt genügen und wir stünden inmitten der Wirbel. Wir können durch sie hindurchschlüpfen, weißt du? In die Träume der Menschen tanzen und sie vor den Alben schützen die in der Dunkelheit auf sie Lauern.“

„Dann können wir auch in ihre Welt?“

„Nein, das würden die Wirbel nicht zulassen, wir sind nur die Wächter, das Tor aber durchschreiten wir nie.“ Die Wirbel waren so viel mehr als eine bloße Barriere - pure, reißende Energie, die jeden Winkel des Universums wie feine Adern durchströmten und mit Leben erfüllte.

Der Himmel in Alateia war sonst so farblos, doch sobald die Sonnen hinter den Bergen verschwanden begann Magie sich über das Land zu legen:  Die leuchtende Wirbel, die in allen Farben über den Horizont fegten und schillernde Schweife hinter sich herzogen. Immer wieder rasten sie ineinander, verschmolzen in gleißenden Explosionen und bildeten neue Sterne, die alles unterm Firmament in ein Meer aus bunten Lichtern tauchten. Auch den Menschen erschienen die Wirbel - er hatte sie in ihren Träumen sehen können. Als grüne und blaue Schleier ragten sie den Himmel der Menschen und offenbarten ihnen nur einen Bruchteil der Welt, deren Existenz sie nicht einmal in ihren kühnsten Träumen erahnten.

„Was ist mit den anderen Sachen, die wir sehen?“ Ihre Neugier schien unstillbar und wärmte Cassym das Herz wie Feuer.

„Es sind nur ihre Träume Alana ... aber man sagt, es gibt diese Dinge wirklich. Farbenfrohe, duftende Blumen, Speisen so süß, dass du davon Bauchschmerzen bekommst und flauschige Tiere in allen Formen und Farben - sie scheinen nur einen Katzensprung von uns entfernt.“ Nachdenklich ließ Cassym seine Hand nach oben schnellen, als wollte er durch die rastlosen Wirbel hindurchfassen in die andere Welt, so nah und doch so fern.

"Eines Tages will ich dorthin reisen. Ganz bald." Alana klang so überzeug ... er konnte sich ein kurzes Kichern kaum verkneifen. Eine Traumtänzerin mit großen Träumen.

"Und wie willst du das anstellen?" Für einen Augenblick schwieg sie, legte die kleine Stirn in Falten und schien ihre ganze Konzentration aufzubringen. Ihr Lächeln kehrte erst zurück, als sie endlich eine zufriedenstellende Antwort gefunden zu haben schien und mit jener unumwerflichen Zuversicht, die nur ein Kind haben konnte, ihren Plan verkündete.

"Wir fliegen dorthin. Mit der ganzen Stadt."

"Das ist es, was du dir wünscht?" Sie nickte entschlossen. Zugegebenermaßen befielen ihn leichte Zweifel an ihrem Vorhaben, doch ihr Blick war so voller Hoffnung, so voller Vorfreude ... er brachte es nicht übers Herz, ihre Freude zu brechen. "Wenn du das sagst, Alana. Irgendwann werden wir die Stadt in den Himmel hieven - und dann fliegen wir in die Welt der Menschen."

"Und essen ganz viele süße Nachspeisen? Versprich es!"

"Traumtänzer Ehrenwort."

Doch Träume sollten niemals träumen.

                   


Betäubt starrte er auf die Stadt zu seinen Füßen hinab, prägte sich diesen einen Augenblick ein. Die langsam erlischenden Lichter in den taumelnden Fenstern, der sengende Geruch von Blut, der ihn umschlug, als die Dunkelheit immer näher kam und das hallende Krachen, als die letzten Erdbrocken auf das ferne Festland stürzten. Er hatte es geschafft. Doch der Traum war zerstört und fortan schwebte die Stadt auf  dunklen Tränen ... Lacrimosa war geboren.
                      

© 2019  M.A.Audren Autorin   -   Erstellt mit Wix.com

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