»Du wirkst beunruhigt.« Mit Layans zerknirschtem Ausdruck spürte Ellie auch ihren Mut sinken. Sie hatten das Dorf im Eilschritt hinter sich gelassen, die grünen Wiesen der Traumwelt überquert und waren bald am Wasserfall angelangt, der Lancars vom Rest der Welt trennte. Nun warteten sie auf Rem - und auf was auch immer ein "Rakky" war. Mit jeder Sekunde schien der Tänzer unruhiger, verlagerte nervös sein Gewicht von einem Bein aufs andere und am liebsten hätte Ellie ihn festgebunden, damit er endlich still hielt. 
»Es ist nichts schlimmes, nur - Lacrimosa. Ich spüre die Stadt und ihre Macht, aber sie ist sehr weit entfernt. Weiter als damals, als wir vor den Alben flohen.«
»Das bedeutet aber, dass sich die Gefahr von Lancars entfernt, nicht wahr?« In Gedanken an das gefallene Dorf nicht weit von ihnen empfand sie diese Information hauptsächlich als beruhigend.
»Ja, aber es bedeutet auch, dass unsere Reise etwas länger dauern könnte. Außerdem wird es bald Nacht, wir sollten versuchen, zumindest noch etwas Strecke hinter uns zu bringen.«
»Wir können auch im Dunkeln wandern.« Sie erinnerte sich an die Nacht in Lacrimosa, es schien nicht allzu schwer sich zu orientieren. Das Licht zweier versetzten Sonnen schien der Dunkelheit kaum Halt zu bieten.
»Das Problem ist, dass Rakkys außerordentlich stur sind.«
»Du hast diese Dinger jetzt zum gefühlt zwanzigsten Mal erwähnt, wie wäre es mal mit einer Erklärung?«
»Nicht nötig.« Wie verwandelt schwand Layans Unruhe augenblicklich als er ein blaues Licht auf sie zuschieben sah. Hastig schlug er seinen Rucksack auf und nach einigem Kramen zog er ein mageres, gelbes Kraut heraus, dessen starker Pfeffergeruch Ellie auch zwei Meter weiter noch die Tränen in die Augen trieb. Sehr zu ihrem Leidwesen drückte er ihr ein paar Stängel in die Hand. »Du darfst sie gleich selbst kennen lernen.« Was das ‘dürfen’ anging war sie sich nicht so sicher. Mit krausgezogener Nase folgte sie dem Tänzer, der sich seinerseits von der zurückgekehrten Rem führen ließ und bald hatte die Fee sie zu einer Herde geführt. Ellie stockte der Atem, und das nicht nur wegen des Pfefferkrauts.
»Layan … was ist das?« 
»Eine Herde Rakkys.« Mit einem breiten Lächeln ging Layan auf die Tiere zu, während Ellie einen Schrei unterdrücken musste, als sich eines von ihnen in Bewegung setzte. Sie waren enorm. Gigantische, achtbeinige Wesen mit Silber glänzendem Fell, einem Gesicht, dass sie bis in ihre Albträume jagen würde und monströsen Hörnern die weiter in die Luft ragen als ihr lieb war - sie sahen ein bisschen aus wie mutierte Nilpferde.
»Du hast sie nicht mehr alle.« Ihr ungläubiger Blick brachte ihr nur ein erheitertes Lachen ein.
»Mach dir keine Sorgen, sie sind sehr friedfertig - und ungelenk. Dieses Kraut ist ihr Lieblingssnack aber es wächst sehr gut versteckt inmitten der Wälder. Die Bäume stehen zu dicht für die Rakkys. Gegen ein bisschen Pfefferkraut lassen sie sich deshalb gerne bestechen und als Reittiere verwenden.« Wie um seine Aussage zu bestätigen, zupfte der Rakky vor ihm ungeduldig an den Blättern in seiner Hand.
»Reittiere?? Mich bringen keine zehn Pferde auf dieses Ding! Die zehn Pferde wären mir da auch schon lieber als das!« Der Rakky gab ein leises Grummeln von sich doch als Layan ihm das Kraut unter die Nase hielt wurde das beleidigte Geräusch mehr zu einem zufriedenen Schnurren. »Es schnurrt? Warum schnurrt das Nilpferd?!«
»Es ist kein Nilpferd! Versuch es, sie sind ganz sanft.« Der Rakky vor Ellie gab ein, wohl ermutigendes, Schnauben von sich und blickte sie dabei so treuherzig an, dass sie beinahe versucht war, es darauf ankommen zu lassen. Zaghaft streckte sie die flache Hand mit dem Kraut nach vorne - und schon war es im Maul des zufrieden schnurrenden Rakkys verschwunden. Layan indes hatte ein langes Seil aus seinem endlosen Rucksack geholt und begonnen es an den Hörnern der beiden Tieren festzubinden.
»Wir könnten zu Fuß gehen?«
»Keine Angst, ich bin hier um auf dich aufpassen.« Mit einem großzügigem Schwung legte er eine Decke quer über den Rücken seines Tiers - ein behelfsmäßiger Sattel. Der Rucksack hatte sich durch das alles schon merklich geleert.
»Soll mich das jetzt etwa beruhigen!?«
»Am besten reitest du die ersten paar Meilen mit mir, um dich daran zu gewöhnen, der kleine Kerl sollte das schaffen.« Er überging sie einfach! Klopfte dem Vieh auf die Flanke und streckte seine Hand nach Ellie aus, die ihrerseits nur in stummen Horror den Kopf schüttelte. »Vertrau mir.« Sie hatte nicht wirklich eine Wahl.
Layan schwang sich erstaunlich flott auf das gigantische Wesen und schon hatte er sie mit sich auf den breiten Rücken des Rakky gezogen. Ungelenk krallte sie sich im dichten Nackenfell fest, was das Tier kaum zu stören schien. "Wir könnten zu Fuß gehen, aber selbst wenn wir die Nacht durch gingen, wären wir viel langsamer: Rakkys sind unglaublich schnell.” Es gab ihr etwas Sicherheit als Layan die Hände an ihre Hüfte legte, aber gleichzeitig machte es sie ungewohnt nervös.
Sie sollte allerdings keine Zeit haben sich genauer mit dem Grund dafür zu beschäftigen. Kaum hatte Rem sich zwischen ihren Händen in den silbrigen Pelz gegraben, spürte sie, wie Layan seine Beine in die Flanken des Tiers drückte. 
»Hopphopp.« Ja, sie waren wirklich schnell. Ein lautes Kreischen hallte über die Ebene als der Rakky Anlauf nahm und Ellie gnadenlos gegen Layan gedrückt wurde. Ein D-Zug war nichts dagegen. Erst, als ihr die Kehle weh tat, schaffte sie es die Luft anzuhalten und sich eng an das warme Fell unter ihr zu drücken. Instinktiv bewegte sie ihre Hände dichter zu Rem, die kleine Fee hatte der Geschwindigkeit kaum etwas Entgegenzusetzen.
Ein Gespräch anzuknüpfen, oder auch nur hörbar um Hilfe zu schreien, war schier unmöglich. Das Getrampel der beiden Nilpferd-Geschöpfe war ohrenbetäubend und noch dazu schrien sie sich in periodischen Abständen irgendetwas zu. Zumindest schien es, als würden sie sich durch das kehlige Röhren miteinander unterhalten. Den meisten Teil des Ritts war Ellie ohnehin damit beschäftigt, ihrer Panik Herr zu werden und sich, mehr oder minder, aufrecht zu halten.

Erst als die Sonnen sich gegen den Horizont lehnten, wurde ihr klar, wie schnell die Zeit verging und wie lange sie eigentlich unterwegs gewesen waren. Dann wurde es dunkel - und die Rakkys blieben wie auf Kommando angewurzelt stehen.
»Was zur - « Durch den abrupten Halt beinahe zu Fall gebracht, brachte Ellie keine drei Worte heraus als Layan sich auf den Boden schwang und Rem ihm leise klingelnd folgte.
»Ich sagte doch, Nachts reisen sie nicht. Sobald es dunkel wird, ist für sie Zeit für eine Pause.« Sichtlich erheitert streckte der Tänzer seine Hand nach Ellie aus, die sie zögerlich ergriff.
»Ich wusste nicht, dass sie es so genau nehmen.« Dankbar ließ sie sich von ihm vom Rücken des Rakky helfen, doch es hätte nicht viel gefehlt und sie wäre direkt auf den Boden geknallt - ihre Beine waren nach der wilden Fahrt noch nicht wieder vollkommen stehbereit. Layan schien übertrieben erheitert durch ihre Verfassung, doch Ellie ignorierte seine Schadenfreude kurzerhand und stützte sich auf die Schultern des Tänzers, bis sie endlich ihr Gleichgewicht wieder hatte. Ihr Rakky, das die ganze Zeit neben ihnen gelaufen war, hatte derweil schon begonnen, entspannt über die Wiese zu grasen und stieß nur ab und zu ein zufriedenes Schnauben aus. Layans Reittier hingegen legte sich mit einem lauten Rumpeln auf den Boden während Ellie Probleme hatte, es ihm nicht gleich zu tun. Ihre Knie wackelten immer noch bedrohlich und sie fühlte sich etwas seekränker als ihr lieb war. Als wäre sie besorgt, flatterte die Rem zu ihr, stupste ihr vorsichtig gegen die Wange und beruhigte sie damit fast augenblicklich.
»Wir können nachts zwar nicht Reisen aber so geht es immer noch schneller als zu Fuß. Allerhöchstens zwei Tage noch dann haben wir Lacrimosa erreicht - vorausgesetzt es bewegt sich nicht weiterhin von uns weg.« Er schien zu bemerken wie perplex Ellie ihn immer noch anstarrte, weswegen er ihr einen leichten Klaps auf die Schulter gab. »Und wie war dein erster Ritt?«
»Ich setze mich nie wieder auf so ein Ding.«
»Du gewöhnst dich daran.« Das bezweifelte sie. Doch bevor sie dazu kam, dem Tänzer in allen Farben auszumalen, wieso sie kein Alb mehr auf diese Höllenmaschine auf acht Beinen brachte, hatte er seinen Rucksack geöffnet und zwei Bambusmatten auf dem Boden ausgebreitet. Sofort flog Rem die notdürftigen Schlafplätze neugierig ab und entschied sich für die schmälere Matte, auf die ihr Ellie mit einem kurz angebundenen 
»Du wirst mich irgendwann umbringen,« folgte. Layan indes kramte immer noch im Rucksack und schien das Ganze überaus erheiternd zu finden. Einer der Rakkys stieß ebenfalls ein schnaubendes Geräusch aus - Ellie vermutete mittlerweile, dass es sie auch auslachte - was ihren Blick auf das lose Seil neben den Tieren lenkte. »Sollten wir sie anbinden?«
»Keine Sorge, sie riechen, dass wir noch Essen haben, so schnell laufen sie uns also nicht davon.« Layan kramte immer noch in die Tasche, bis er endlich zu finden schien, was er gesucht hatte, und einen kleinen, grünen Stein zum Vorschein brachte. Aufmerksam beobachtete Ellie, wie er ein paar Äste, Hölzer und Gräser einsammelte und einen kompakten Stoß vor ihren Matten aufbaute. Schließlich nahm er den Stein und schüttelte ihn darüber aus wie einen Zuckerstreuer.
»Was machst du da?«
»Feuer.« Sie beäugte den unscheinbaren Klumpen misstrauisch - bis plötzlich ein grüner Funken aus dem Stein brach und das Reisig sofort in Flammen aufging. »Alben scheuen das Licht und fürchten das Feuer. Es verschafft uns etwas Sicherheit, außerdem ist es warm und gemütlich.« Tatsächlich spürte Ellie wie etwas in ihr entspannte und für eine Weile starrten sie beide in friedlichem Schweigen in die Flammen.
»Layan, kann ich dich etwas fragen?«
»Der Wandler … du sagtest vorher er hat ein Dorf angegriffen? Wieso?«
»Er sucht den Stein - wer nicht mit ihm kooperiert wird zerstört. Wir haben uns damals in Lancars barrikadiert … seit dem Vorfall haben die Dörfer kaum mehr Kontakt zueinander. Wir haben zu viel Angst, dass er erfahren könnte, dass wir den Kristall verstecken.«
»Wer ist … er?«
»Niemand weiß, wer er ist, wer ihn kannte ist wohl schon lange tot oder erinnert sich nicht an ihn.« Der Tänzer sprach leise, ganz so, als fürchtete er, die Stille der Nacht zu durchbrechen. »Die Dunkelheit, die ihn seit jener Nacht umgibt ist dicht genug, um seine Existenz für Wesen des Lichts komplett zu verschlingen. Manche Geschichte sagen, er sei ein Dämon oder Gott aber das ist Schwachsinn, kindische Ammenmärchen. Der Wandler ist aus Fleisch und Blut und man kann ihn besiegen. Er mag die Alben kontrollieren aber um wahre Magie zu wirken bräuchte er einen Seelenstein.«
»Aber er muss doch zumindest einen Namen haben?«
»Sie wagen nicht, ihn auszusprechen.« Mit gesenkten Lidern starrte Layan in das monoton flackernde Feuer. »Man sagt, sein Name entfesselt Dunkelheit in den Herzen jener, die gegen ihn stehen - Dass die Alben ihre Klauen in jene schlagen, die ihn unbedacht sprechen und sie in die Abgründe ziehen, aus denen ihresgleichen einst gekrochen kam.« Er zögerte und für einen Augenblick stand Ellies Atem still. Er glaubte doch nicht etwa daran? Hatte er es doch eben noch als Märchen abgetan.
»Ich will ihn wissen.« Es kam über ihre Lippen ehe sie wirklich darüber nachdenken konnte und sie merkte, wie der Tänzer sich augenblicklich anspannte.
»Selbst die Alben flüstern ihn nur leise, zu sehr fürchten sie, den Zorn ihres grausamen Meisters auf sich zu ziehen.« Der Blick des Tänzers war glasig, doch zwischen den Reflektionen des Feuers erkannte sie noch etwas anderes in seinen Augen … Furcht.
»Ein grausamer Name, der uns alle ins Verderben stürzte … « Für einen Moment schien es, als würde er inne halten, doch er überwand sein Schweigen und das Wort drang als raues Flüstern aus seiner Kehle.
»Cassym.« Wie eine geraunte Antwort strich der Wind über die Ebene, trug seine Worte weit über die Flur und ließ die Flammen vor ihnen für einen kurzen Augenblick stocken.

»Elena.« Die Stimme des Tänzers war immer noch angespannt, doch sein Blick war wieder klar und sein Atem gleichmäßig. »Was auch immer passiert, wir müssen geheim halten, dass wir den Stein bei uns haben bis wir in Lacrimosa sind. Trag ihn stets eng bei dir, doch benutze ihn nicht.« Andächtig drehte sie den Stein in ihrer Tasche und nickte stumm. Sie legte sich kurzerhand hin, vollkommen versunken in ihre Gedanken.
Dann erst bemerkte sie das Funkeln am Himmel. Irritiert blickte Ellie nach oben, gerade noch rechtzeitig um einen roten Kometen vorüberfliegen zu sehen - und die endlosen Farben hinter ihm. Mit offenem Mund starrte sie nach oben in den Nachthimmel, der von stummen Feuerwerk erfüllt wurde. Tausend Lichter die sie in ihren Bann zogen und Erinnerungen in ihr weckte - der erste Blick in die Augen eines Fremden.
Sie wusste nicht, wie lange sie in die Wirbel starrte, doch irgendwann fielen ihr die Augen zu, Tränen strichen über ihre Wangen als sie ein vertrautes Flüstern in den Schlaf trug. 
»Schlaf gut, Elena. Ich wache über deine Träume.«

© 2019  M.A.Audren Autorin   -   Erstellt mit Wix.com

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